Die wilden Zarten auf Weltreise

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die wilden Zarten auf Weltreise

Auf unserer Weltreise wurde uns bewusst, dass wir ein hochsensibles Kind an Board hatten. Josef war zwei Jahre alt, als wir im Oktober 2018 mit einem one-way-Ticket nach Bangkok flogen und für die folgenden zehn Monate keine festen Reisepläne hatten. Vor der Reise wussten wir von dem Thema Hochsensibilität wenig und ahnten lediglich, dass unser älterer Sohn dieses besondere Wesensmerkmal mit auf die Welt gebracht hatte. Bei Aaron, der gerade ein Jahr alt war, sind wir uns noch nicht sicher (und da wir auf der Reise noch stillten, war der Stresspegel meist sehr schnell wieder reguliert). Doch erst die extremen Herausforderungen während des Reisens führten dazu, dass wir uns mit dem Thema Hochsensibilität bei Kindern auseinander setzten und uns bewusst wurde, welch ein Geschenk wir alle als Familie bekamen und gleichzeitig welch einer Herausforderung wir nun gegenüber standen. Rückblickend haben wir viel über unser Kind und uns erfahren und für die nächsten Reisen und unseren Familienalltag Einiges gelernt. Davon erzählen wir in diesem Artikel. Was macht das Reisen mit hochsensiblen Kindern besonders? Welche Herausforderungen bringt Hochsensibilität bei Kindern für eine Familie auf Weltreise mit sich? Welche Bedingungen kann man auf Reisen schaffen, um einen entspannteren Familienreisealltag zu haben? Und was sollte man unbedingt vermeiden, wenn man mit einem hochsensiblen Kind reist? Eines möchte ich gleich am Anfang loswerden. Solltet Ihr auch ein hochsensibles Kind haben und über eine längere Reise nachdenken, zögert nicht, macht es, stürzt Euch ins Abenteuer. Hochsensible Kinder sind großartige Reisegefährten. Sie nehmen die Welt auf eine besondere Art und intensiv wahr. Die Welt mit ihren Augen zu sehen macht Spaß und ist einfach großartig. Hochsensibilität ist kein Hindernis fürs Reisen. Es ist nur wichtig, die Art des Reisens an die Bedürfnisse eines hochsensiblen Kindes anzupassen. Genau das haben wir auf unserer Reise gelernt und sind auch immer noch dabei.

Erste Herausforderung auf der Weltreise: Langstreckenflüge. Enge Räume, viele Menschen, wuseliges Durcheinander sind per se schon eine Herausforderung für hochsensible Menschen, für hochsensible Kinder umso mehr. Wir hatten einen Direktflug von München nach Bangkok über Nacht gebucht. Auf diese Weise wären die Kinder zumindest müde und die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie auch den Großteil der Anreise schlafen würden und den Reizen auf gewisse Weise entfliehen können – so unsere Vorstellung. Nun wissen alle Eltern, dass Müdigkeit zwar eine Grundvoraussetzung für den Schlaf für Kinder ist, jedoch keine Garantie. Die Situation im Flugzeug war neu, viele fremde Menschen, dicht gedrängt, keine frische Luft, wenig Bewegungsfreiraum. In dieser Situationen stieg die Körperspannung und der innere Erregungszustand von Josef so sehr, dass er durch Schreien, Springen, Boxen oder Weinen versucht, seinen Ruhezustand und sein Gleichgewicht wieder zu erlangen. Das ist nicht nur für ihn selbst, sondern auch für uns extrem belastend. Als Eltern sorgen wir uns, fühlen uns oft hilflos und sind von den verständnislosen Blicken anderer Flugpassagiere unangenehm berührt. Was hat uns geholfen in der Situation? Tragen, viel Körperkontakt, vertraute, ruhige Kindermusik über Kopfhörer, selbst Ruhe bewahren. Klingt so leicht und war so schwer für uns. Da wir selbst auch im Flugzeug mit der Enge, den vielen Menschen und der dichten Energie leicht überfordert sind, war es umso schwieriger den Raum für Josef zu halten. Daniel hat Josef kilometerweit durch die Gänge des Flugzeugs getragen bis er sich beruhigte und einschlafen konnte. Wir haben zusätzlich unsere Vierersitzreihe mit Decken links und rechts abgedeckt, um einen geschützteren Raum zu haben. Die Nacht ging vorbei, der Flug auch und wir sind alle völlig fertig, glücklich und aufgeregt in Bangkok gelandet. Das erklärt wohl auch, weshalb wir gleich mal unsere Kreditkarte beim Geldabheben im Bankautomaten vergessen haben. Entspannung setzte ein als wir nach einer kleinen Odysee mit den öffentlichen Transportmitteln und einem Doppelbuggy (doch das ist eine andere Geschichte) in unserem Apartment ankamen und die Kinder in der Badewanne spielend und in Ruhe zu sich finden konnten. Die folgenden zehn Monate hielten noch viele dieser Ereignisse mit großem Lernpotenzial für uns bereit.

Reisen sind naturgemäß geprägt durch stete Veränderung und immer wieder Übergänge: neue Orte, fremde Kulturen, unbekanntes Essen, wechselnde Schlafplätze, fremde Gerüche, nicht zuordenbare Geräusche, andere Lichtverhältnisse. Veränderungen und Übergänge sind für viele Kinder schwierig, für hochsensible Kinder sind es starke Herausforderungen, die oft mit Angst und großer Unsicherheit verbunden sind. Auf unserer Reise waren wir an keinem Ort länger als vierzehn Tage (das werden wir das nächste Mal anders machen), außer zum Schluss der Reise bei unseren Freunden in Indien (das würden wir immer wieder so machen). Eine Möglichkeit für uns war, Veränderungen und Übergänge zu reduzieren und länger an einem Ort zu bleiben. Gleichzeitig zog uns unsere Neugier und unsere Abenteuerlust immer weiter. Es gab Situationen, in denen wir gemerkt haben, dass der ständige Wechsel für alle energieraubend ist. Als wir Ende November in Vientiane in Laos ankamen gab es genau so einen Moment. Von der ursprünglichen Idee, durch das ganze Land mit dem Bus zu reisen, nahmen wir schon kurz nach unserer Ankunft Abstand und blieben spontan in Vientiane. Wir liehen uns Fahrräder aus und entwickelten einen immer wiederkehrenden Tagesrhythmus. Jeden Morgen nach dem Frühstück fuhren wir durch die entspannteste Hauptstadt Asiens, erkundeten Märkte (meist nur kurz mit den Kindern eng an uns geschmiegt), Spielplätze und Tempel oder schlenderten am Ufer des atemberaubenden Mekong entlang. Anschließend fuhren wir in ein Spielcafé und verbrachten dort die nächsten Stunden mit Klettern, Rutschen und Lao Kaffee trinken. Wir wurden langsam und diese Routine tat uns allen und insbesondere Josef extrem gut. Immer wenn wir auf unserer Reise merkten, die Reize, schnellen Veränderungen und Wechsel wurden zu viel, haben wir die Bremse gezogen und bewusst die Möglichkeit äußerer Eindrücke reduziert. Im Inneren eines hochsensiblen Kindes ist ohnehin schon so viel los.

Natürlich war das nicht immer und jederzeit möglich. Wer schon einmal in Asien war weiß, wie laut und trubelig es auf der Straße zugeht. Während diese andersartigen Geräusche stets unsere Neugier weckten, überfordern sie uns gleichermaßen. Und so auch unser Kind. Das erste Mal jedoch, dass wir es kaum aushielten war in Ho Chi Minh City in Vietnam. Sobald wir aus unserem Haus traten, fanden wir uns auf einer großen Straße mit tausenden von surrenden, hupenden Mopeds wieder. Total faszinierend und der Reizhorror zugleich. Allein der Weg zur Busstation war aufgrund des ohrenbetäubenden Verkehrslärms ein Alptraum. Es war das erste Mal, dass wir freiwillig auf das Taxifahren umstiegen, obwohl wir die öffentlichen Verkehrsmittel viel spannender finden und zum Erkunden immer bevorzugen würden. Doch es bewahrte uns vor Überreizung und die Kinder ganz nebenbei vor neugierigen Blicken und ständigem Anfassen meist im Gesicht (auch ein besondere Herausforderung für das hochsensible Kind bei einer Asienreise). HCMC war aufgrund seiner Größe für uns von vornherein ein Kompromiss. Um ins Mekongdelta zu gelangen, machten wir dort dennoch Halt. Viele Fahrten auf unserer Reise waren einfach so lang und in Bussen auf Dauer insbesondere für Josef und Stefanie unerträglich. Natürlich wollten wir auch möglichst nicht nur eine Nacht an einem neuen Ort verbringen, denn das war für Josef extrem stressig. Also blieben wir länger und fanden Lösungen. Insbesondere in großen Städten wie HCMC oder Jakarta bestand sie darin, private Unterkünfte möglichst mit Pool (angesichts des Klimas keine Seltenheit in Asien) zu finden. Wir hatten einen Rückzugsort, konnten uns sammeln und die Kinder hatten eine Menge Spaß im Wasser. Da wir immer in lokalen Stadtteilen gewohnt haben, kamen dadurch auch die schönsten Begegnungen zustande. In HCMC brachten die Jungs ihre erste Freundin mit nach hause. Noch heute erinnern wir uns an Julie. Und so stiegen wir also wieder einmal auf unsere Routine um: morgens in der Stadt unterwegs und danach Rückzug und Ruhe. Auf diese Weise wurde auch HCMC zu einer schönen und ereignisreichen Erinnerung mit unvergesslichen Begegnungen.

Die schönsten, entspanntesten Erlebnisse hatten wir jedoch stets in der Natur: wandern im Nationalpark und Bootsausflüge in Thailand, mit dem Fahrrad an den Strand in HoiAn fahren und dort den ganzen Tag im Sand spielen, eine Fahrt auf dem Mekong, durch die Felder einer Pfefferplantage in Kambodscha schlendern, auf Bali durch die Reisterrassen hüpfen, in einer Rikscha von Dorf zu Dorf fahren und viel Grün sehen, einsame Tempelanlagen auf dem Dieng Plateau bestaunen, durch den Wald von Tansen und am Fuße des Himalayagebirges in Nepal wandern. Unzählige Naturerlebnisse haben uns bewusst gemacht, dass es unserem hochsensiblen Kind am besten geht, wenn wir in unsere Reise viel Bewegung integrieren, räumlicher Platz vorhanden ist, wenn wir Orte mit weniger Menschen besuchen, frische Luft, sanfte Geräusche und Zeit, den eigenen Impulsen zu folgen gegeben ist. Das gilt sicherlich für alle Menschen, doch für hochsensible Kinder ist es überlebenswichtig.

In Kambodscha und auf Bali machten wir dann nochmal eine ganz andere Erfahrung. Wir bekamen Besuch von den Großeltern. Das gemeinsame Reisen mit Familie genossen wir alle und es bot Josef überraschend viel Sicherheit und mehr Konstanz. Als wir diese Zusammenkünfte planten, haben wir an diesen Faktor gar nicht gedacht. Vielmehr wollten die Großeltern ihre Enkel nicht so lange Zeit missen und wir freuten uns auf ein baldiges Wiedersehen. Vier Erwachsene und zwei Kinder – was für ein entspannter Schlüssel fürs Reisen (und für den Alltag). Die Großfamilie war für Josef wie seine eigene kleine Arche. Ein lebender Schutz in einer reizerfüllten Welt, in der wir uns doch recht schnell bewegten. Für hochsensible Kinder ist es auf Reisen ein ganz wichtiger Faktor, Bekanntes um sich zu haben. Dazu zählen natürlich auch die Großeltern.

Oft wurden wir gefragt, wie es denn mit dem Essen für unsere Kinder auf der Reise lief. Gute Frage und vor allem eine ganz wichtige, wenn man mit hochsensiblen Kindern unterwegs ist. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass hochsensible Kinder (und Erwachsene) regelmäßig und häufiger etwas zu essen und kleine Snacks zwischendurch brauchen, um nicht so schnell aus dem Gleichgewicht zu geraten. Meistens war das kein Problem, denn gerade in Südostasien gibt es überall Garküchen mit leckerem, frisch gekochtem Essen auf der Straße und die hygienischen Bedingungen sind absolut in Ordnung. Für kleine Snacks unterwegs haben wir uns in Supermärkten mit Gemüse, Obst und diversen Brotvariationen versorgt. Ein Taschenmesser sollte man dann am besten auch auf die Packliste schreiben. Doch manchmal wurde das Essen zur Herausforderung. In Nepal haben wir aufgrund der hygienischen Bedingungen auf Straßensnacks verzichtet. Das hat unser Versorgungsangebot doch erheblich eingeschränkt. Glücklicherweise kamen wir in den Genuss der einheimischen Küche in den in Nepal sehr verbreiteten Homestays. Sie sind ein großes Geschenk an alle Reisenden. Für unterwegs gab es dann vier wochenlang Äpfel und verpackte Snacks, denn das Angebot von Obst und Gemüse lud nicht zum Schlemmen ein. Normalerweise hielten die Busse bei den ca. achtstündigen Busfahrten an einer Raststätte zum Mittag- oder Abendessen an. Auf der Fahrt von Kathmandu zum Chitwan Nationalpark überhörte Stefanie vor lauter Hunger alle inneren,warnenden Stimmen und infizierte sich mit einem extremen Magen-Darm-Virus. Mit dieser Erfahrung nahmen wir zusätzlich zu unseren Reiserucksäcken stets einen gut gefüllten Verpflegungsbeutel mit Snacks und Getränken mit, der uns so manche Busfahrt gerettet hat.

Was für eine Reise, was für eine großartige Familienzeit. Die besondere Wahrnehmungsfähigkeit hochsensibler Kinder ist ein Geschenk. Und das zeigt sich auch auf Reisen ganz besonders. Gestalten wir den Rahmen einer Weltreise entsprechend ihrer Bedürfnisse, können sie enorm viel für sich mitnehmen. Nachdem wir zwei wochenlang jeden Morgen Mönche in ihren safranfarbenen Gewändern in den Straßen Vientianes beobachtet haben, begann Josef sich mit Hilfe meines Schals wie ein Mönch zu verkleiden. In Vietnam fing er plötzlich an, vietnamesisch nachzuahmen und sehr laut zu sprechen. Nur kurze Zeit nachdem wir in Nepal ankamen, fing Josef an, ständig auf die Straße zu spucken (tatsächlich konnte er zu dem Zeitpunkt noch nicht spucken). Erst da fiel uns auf, dass auffällig viele Menschen auf den Boden spuckten. Die Liste seiner detaillierten Beobachtungen und damit verbundenen Verarbeitungen auf dieser Reise sind endlos. Sie zeigen uns, wie genau er seine Umwelt wahrnimmt und wie intensiv es ihn berührt und beschäftig. Mit einer solchen Wahrnehmung braucht es Ruhe- und Rückzugsphasen, insbesondere auf einer Reise durch die Fremde. Durch viel Körperkontakt, tragen, bei Babys auch stillen, regelmäßige Mahlzeiten, immer einer Snack dabei haben, Tagesroutinen entwickeln, Zeit in der Natur und mit Tieren, möglichst private Unterkünfte auswählen, mit Altbekanntem wie geliebten Büchern und Musik, Familienbesuche und längere Aufenthalte am selben Ort, all das kann eine Weltreise für hochsensible Kinder zu einem Erlebnis werden lassen, bei dem sie herausgefordert werden und ihre innere Stärke und Selbstvertrauen spüren und entwickeln. Seit Juli sind wir wieder in Hamburg und die Umgewöhnung in ein sesshaftes Alltagsleben hat etwa zwei bis drei Monate gedauert. Die Reiseeinnerung hallt nach. Sie hat uns alle verändert und bereichert, und schließlich auch zu der Erkenntnis gebracht: unser Sohn ist hochsensibel und wir sind es auch. Wie wunderbar.

Welche Erfahrungen habt Ihr auf Reisen mit Euren hochsensiblen Kindern gemacht? Welche Anregungen habt Ihr zu diesem Thema? Schreibt uns, wir freuen uns über Austausch zu diesem Thema.

Dieser Blogbeitrag ist Teil der Wissensparade von nova-Lebensraum Sensibilität

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